Viele Studienabbrecher haben erst mal Probleme, einige (wie ich) müssen ein Jahr mit Jobs überbrücken, manche hängen nur rum andere machen eine 180-Grad Wende und beginnen Ihre Socken zu bügeln. Dazu kommt der Bewerbungsstress und evtl. noch Beziehungsstress, panische Eltern und Geldprobleme.  Auf jeden Fall ist ein Studienabbruch eine Zeit in der man aufgrund der neuen Situation nach irgend einen Sinn oder Halt sucht aber nur Erwartungen von Anderen findet.  In so einer Zeit kommen alte Probleme und Macken wieder hervor und man muss sich selbst irgendwie neu definieren. Der ideale Nährboden für eine Sinnkriese also.

1. Tu nicht so intellektuell!

ich brauch ne Idee,
eine Idee, die mich blendet,
die alles erklärt,
die alle Fragen beendet,
und sich für immer bewährt.

doch leider, wie immer,
hab ich keinen Schimmer

In vielen Familien ist es völlig selbstverständlich dass man studiert und wenn das nicht funktioniert kann einen das in eine gehörige Krise stürzen.  Und die Uni ist einfach ein angenehmer Ort. Sehr schnell redet man wie ein Student, lebt wie ein Student und fühlt sich dabei sehr klug. Das Studium verändert deine Art zu denken. Gerade wenn man Geistes- oder Sozialwissenschaften (oder gar beides) studiert hat neigt man nach kurzer Zeit dazu alles in eine Theorie zu stecken.  Und diese Theorien müssen dann auch noch untereinander stimmig sein und den Regeln der Logik folgen und gleichzeitig neutral sein und einen doch einen Weg im Leben weisen.  Wenn du also anfängst solche Gedichte wie das da oben zu schreiben oder nicht mehr aus deinem Zimmer kommst, dann wird es Zeit Dinge in deinem Leben zu verändern.

Wissenschaft ist ein Handwerk, keine Ideologie. Das ist aber leider nur sehr schwer zu akzeptieren, wenn man sich gerade nach einer Ideologie sehnt. Ich war ein Fanboy der Wissenschaft, war einer von diesen Typen, die in Seminaren dauernd diskutiert haben und habe gedacht in der Wissenschaft Wahrheit oder gar eine Richtung für das Leben zu finden.  Dabei ist Wissenschaft nur eine Methode mit der du sehr gute Theorien schreiben kannst, mehr nicht. Was aber tun wenn man das nicht akzeptieren kann? Wenn man eine verdammte Theorie braucht, die Dir das Leben erklärt? Eine Ideologie? Manchmal ist eine Frage die Welt für dich.

„Aber die graue Theorie kann höchstens der Steigbügel sein für die bunte Praxis des Lebens. Denn das Leben selbst ist keine Theorie. Das Leben übersteigt jede Logik und Philosophie. Das Leben ist buchstäblich unfassbar. Wir können das Leben nur dadurch erkennen, indem wir leben.“

-Patrick Spät, Telepolis

Viel erstaunlicher ist dabei aber auch, wie sehr es schwanken kann wie wichtig irgendeine Frage für dich ist. Es ist als wäre da ein Schalter in deinen Kopf, der in der Lage ist ein Thema oder eine Frage so sehr zu übersteuern, dass alles andere vollkommen unwichtig erscheint. Wie sehr dein innerer Relevanzkompass übersteuert hat merkst du oft erst viel später.  Deswegen hilft bei den großen Fragen meistens: Sprich aus was in deinen Kopf ist, geh unter Leute, diskutiere oder schreibe wenigstens in Foren oder so darüber. Und wenn das alles nicht geht dann schreibe es wenigstens für dich selber auf.  Dann liegt der Gedanke der eben noch die Welt für Dich war plötzlich in seiner holzschnitzartigkeit auf einen Zettel vor dir. Das kann sehr hilfreich sein. Egal was dein Problem ist, wenn du es in irgendeiner Form heraus lässt, eben äußerst, bearbeitest du es noch mal in einer ganz anderen Form. Gedanken sind oft mehr Gefühle als Logik.  Ich glaube nicht mehr daran, dass man die Welt mit Theorien begreifen kann. Theorien sind ein Werkzeug für konkrete Probleme, Theorien vereinfachen und zeigen dir immer nur eine Karikatur der Wahrheit. Aber die echte Welt ist da draußen.

2. Loslegen!

Und die echte Welt (und damit auch Du selbst) funktioniert viel einfacher als man in einer depressiven Phase so glaubt.  Die Meisten Probleme kann man auf Hunger, Schlaf, Zuneigungsbedürfnis, Aktivität, Geld und  Fitness zurückführen. Man regt sich vielleicht gerade über die geopolitische Großlage oder über die Macke des Partners auf, nur wird das schnell halb so wild sobald man einfach mal gefrühstückt hat.  Dein Körper beeinflusst deinen Geist, das ist so. Deswegen solltest Du deinen Studienabbruch nicht als reines Psychoproblem verstehen sondern mal schauen, ob es  nicht einfach an der Basis hapert.  Gutes Essen wirkt Wunder, etwas Bewegung auch, Tageslicht sowieso und auch Abwechslung bei den Menschen mit denen Man redet ist wichtig. Du funktionierst sehr viel einfacher als Du denkst!

Das wichtigste: Fälle Entscheidungen! Wenn Du deinen Partner nicht liebst beende die Beziehung,  wenn Du es aber tust sag es und kämpft dafür dass es klappt. Wenn du Schulden hast Arbeite und wenn Dich an Dir etwas stört arbeite daran. Rumgeeiere hat Dich in diese Situation gebracht und immer warten bis das Leben für Dich Entscheidungen trifft macht unzufrieden.  Die Chiller-Masche und der Kumpeltyp-sein ist oft versteckte Feigheit!

Was hilft: Arbeiten, Sport, unter Menschen gehen. Dinge ansprechen, die du vorher immer ertragen hast. Schreibe deinen Eltern einen Brief in denen du Ihnen alles an den Kopf wirfst was du ihnen gerne an den Kopf werfen würdest. Schicke ihn ab oder lass es bleiben, aber schreibe ihn. Vor allem aber arbeite! Oder mach ein Praktikum oder du kannst meinetwegen ehrenamtlich anders aktiv sein. Sport ist ein Antidepressivum, andere Leute sind Antidepressiva. Selbst wenn sie dich nerven, geh unter Leute! Suche nicht nach einem Sinn, suche nach einen Ziel. Der Trick ist es nicht einen Sinn zu finden, sondern dafür zu sorgen, dass man nicht mehr nach einen Sinn sucht.

Was nicht hilft: Zu lange nachdenken, sich selbst verachten. Als Studienabbrecher kann man sich wie der letzte Versager fühlen und in eine böse Depression stürzen. Objektiv stimmt das aber einfach nicht, Studienabbrecher sind sogar in vielen Bereichen unglaublich beliebt.  Bleibe mutig, auch wenn du den Drang hast plötzlich unglaublich konservativ zu werden. Sei dir bewusst, dass es Leute geben wird die dich für einen Versager halten und andere, die dich nur noch bemitleiden, die gibt es aber auch so schon immer, du nimmst sie nur im Moment verstärkt wahr. Das größte Problem sind meistens die eigenen Erwartungen, die man enttäuscht hat. Wer auf Studentenpartys war weiß wie gerne Studenten sich klug fühlen und Ihren Studentenstatus betonen.  Diese Aroganz ist natürlich zerknittert, wenn man plötzlich kein Student mehr ist.  Um das gerade zu rücken hilft meistens nur Arbeiten. Bring dich in eine andere Umgebung, die Uni ist eine unglaubliche Blase. Die Welt drummherum ist aber auch in Ordnung und das Universitätswissen ist nur ein Zipfel der Wahrheit. Es gibt noch viel zu entdecken.

Dies ist der vierte Beitrag zu meiner Serie „Klar kommen nach dem Studienabbruch“. Hier eine Übersicht über alle Beiträge:

Teil 1: Der schöne Lebenslauf ist dahin
Teil 2: Ein Jahr überbrücken
Teil 3: Die passende Ausbildung zu Deinem abgebrochenen Studiengang
Teil 4: Sinnsuche, Selbstzweifel und Mimimi
Teil 5: Den Überblick über die vielen Bewerbungen behalten
Teil 6: Bewerbungsgespräche, Einstellungstests und Assessmentcenter