anderson maker

Chris Andersons Buch „Makers – Das Internet der Dinge: die nächste industrielle Revolution“ (2012) ist ein sehr amerikanisches Buch. Er träumt von einen dezentralen Turbokapitalismus ohne die Nachteile der Massenproduktion.

In den letzten Jahren wurde viel über die Maker-Subkultur gesprochen, diese knuffige kleine Hobbybewegung die sich anmaßt die Massenproduktion anzugreifen und dazu noch ihre Entwicklungen kostenlos ins Netz stellt. Diese schwer einzuordnende Gruppe zu der sich kalifornische Libertäre genauso wie europäische Linke und Konservative zählen. Diese Leute, die irgendwie kommunistisch rüber kommen, aber trotzdem oft in Märkten denken. Ich habe das Buch „Makers“ Von Chris Anderson gelesen und verwurste meine Gedanken mal in diesem Blogbeitrag.

Wie der Name Maker bereits erahnen lässt macht die Maker Bewegung Dinge selbst und überträgt dabei Erfahrungen aus dem Bereich der freien Software und des freien Wissens auf die materielle Welt.  Freie Softwar und freies wissen funktionieren ja offensichtlich, wie Linux und Wikipedia bewiesen haben, aber in der Realität gibt es im Gegensatz zur Digitalen Welt begrenzte Ressourcen, die man nicht einfach beliebig oft kopieren kann. Wie kann man sich also ein materielle Open Source Welt vorstellen?

Wenn es so etwas wie einen Slogan dieser Bewegung gäbe, so wäre er „Bits verschenken, Atome verkaufen“

Während in der heutigen Weltwirtschaft Waren weltweit weitgehend frei ausgetauscht werden, jedoch Ideen oder Wissen durch Patente und Betriebsgeheimnisse oft lokal oder auf einzelne Firmen begrenzt bleibt, ist ein häufiges Ziel in der Maker Bewegung eine Umkehrung dieses Prinzips: ein freier, internationaler Fluss von Ideen und Wissen und ein weitgehend lokaler Handel von (materiellen) Waren. Die Ideen sind frei, weil man sie digital praktisch ohne Kosten vervielfältigen kann. Die aus den Ideen resultierenden Produkte, haben jedoch einen Preis, da bei ihrer Herstellung reale Kosten entstehen. Wenn es so etwas wie einen Slogan dieser Bewegung gäbe, so könnte dieser „Bits verschenken, Atome verkaufen“ lauten. (vgl. Anderson 2012 : 126)

Die Maker Bewegung scheint eine gewisse Anziehungskraft zu besitzen, denn im vergangenen Jahrzehnt entstand eine Vielzahl von Initiativen. Zu nennen sind vor Allem die vermehrten Gründungen von offenen Treffpunkten und kommunalen Werkstätten, die sich je nach Ausrichtung Hackerspaces, freie Bio- und Genlabore oder FabLabs nennen und mittlerweile in hunderten von Städten auf der ganzen Welt zu finden sind. Durch den technischen Ansatz können solche Initiativen oft auch in autoritären Staaten existieren. So gibt es Hackerspaces auch im Iran, China und Saudi Arabien. (vgl. bspw. hackerspaces.org : List of Hacker Spaces) Technisch interessierte Menschen werden nicht als Bedrohung angesehen und kaum als Bewegung wahrgenommen. Praktisch ist auch, dass sich das Patentrecht in den meisten Ländern nur auf den gewerblichen Bereich erstreckt, wodurch man sämtliche patentierte Technik für den persönlichen Gebrauch legal nachbauen kann. (vgl. bspw. PatG §11 Abs. 1)

Neben den freien Werkstätten gibt es spezialisierte Gruppen, die sich auf einzelne Projekte beschränken. Das Spektrum zieht sich von Gruppen wie „Copenhagen Suborbitals“, die Dänemark mit erstaunlich geringem Budget ein eigenes Weltraumprogramm brachten und einen bemannten Raumflug mit einer selbst gebauten Rakete planen, bis hin zu umstrittenen Gruppen, wie die amerikanische Initiative „Defense Distributed“ welche selbst gebaute Feuerwaffen für Jedermann aus dem 3D-Drucker entwickeln. Ebenso gibt es Dachprojekte, die viele kleine Projekte zu einem Ziel bündeln, wie z.B. Open Source Ecology.

Marx hat unrecht: entscheidend ist „nicht mehr, wer die Produktionsmittel besitzt. Entscheidend ist, wer die Produktionsmittel mietet.“

All diese Initiativen haben gemeinsam, dass sie davon profitieren, dass eine Vielzahl von ehemals sehr teurer Technik heute weitaus billiger zu haben ist und somit fast jeder Zugang zu ehemaliger Hochtechnologie hat. Dadurch, um mit Marx zu sprechen, haben weitaus größere Bevölkerungsschichten Zugang zu Produktionsmitteln. Gleichzeitig werden andere, immer noch teure, Produktionsverfahren durch das Internet mietbar. Auf diese Weise wird eine ganze Reihe von Techniken und Produktionsmethoden für fast jeden verfügbar, denn entweder man kann sie sich selbst leisten, oder aber man kann sie, auch zunehmend für kleine Stückzahlen, direkt in großen Fabriken mieten. Enthusiasten wie Chris Anderson verkünden bereits, Marx habe unrecht: entscheidend sei „nicht mehr, wer die Produktionsmittel besitzt. Entscheidend ist, wer die Produktionsmittel mietet.“ (Anderson 2012 : 17)

Dies ist jedoch nur deshalb möglich, da die Produktionsmittel universeller werden. Techniken, wie 3D-Drucker, Produktionsroboter und Laser-Cutter ermöglichen es ohne Mehrkosten jedes Teil unterschiedlich zu produzieren und mit nur einer Maschine eine Vielzahl von Gegenständen zu produzieren. Im Vergleich zur Massenproduktion, bei welcher der Preis sinkt, wenn die Anzahl der produzierten Gegenstände größer wird und der Preis steigt, wenn man Einzelwünsche berücksichtigt, gibt es bei dieser Technik kaum Preisunterschiede bei unterschiedlichen Stückzahlen. Dies lässt individuelle Produkte für Produzenten gegenüber Massenproduktion wieder attraktiver werden. Dadurch entspricht die Produktpalette wieder mehr der „[…] natürliche[n] Topographie der Ideen […]“ (Anderson 2012 : 63) Es handelt sich also um Maschinen die die Menschen nicht in ihrer Logik unterwirft, also kein Herrschaftsmittel mehr sind sondern um eine Art Universaltechnik, die mehr Menschen zum Produzenten werden lassen kann und Monopole eher untergräbt als fördert.

Es ist ein experimenteller, fast spielerischer Ansatz, ohne festes Ziel.

Da diese Bewegung in kulturell und ideologisch völlig unterschiedlichen Kontexten vorkommt, stellt sich die Frage, ob es sich überhaupt als politische Bewegung klassifizieren lässt. Sie ist sehr schwer zu fassen, da es sich weder um eine rein technische Innovation, noch um eine reine Ideologie handelt. Es ist ein experimenteller, fast spielerischer Ansatz, ohne festes Ziel. Anderson träumt von einen dezentralen Turbokapitalismus ohne die Nachteile der Massenproduktion. Das sehen längst nicht alle so. Das interessante an der Maker-Bewegung ist für mich, dass durch das neutrale Medium Internet Menschen zusammen arbeiten, die sonst nie miteinander kooperieren würden. Maker machen eben einfach – und zwar mich gespannt auf die Zukunft.


tl;dr: Die Maker Bewegung will mehr Dinge dezentral produzieren und möchte das hin bekommen indem sie das Wissen für die Produktion und/oder die Maschinen für die Produktion für alle zugänglich macht. Das funktioniert erstaunlicherweise auch dann, wenn man sich in anderen Bereichen nicht so einig ist.

Dieser Post besteht im Wesentlichen aus abgeänderten Teilen einer Hausarbeit über Open Source Ecology.