„Zynismus ist keine schlechte Waffe im Gedränge übervölkerter Städte. Er verschaffte dort Ellbogenraum und verlieh ein Gefühl der Überlegenheit. Aber was nützte schon Ellbogenraum in der grenzenlosen Einsamkeit der Wüste?“

-Seite 56

wenn-es-krieg-gibt-gehen-wir-in-die-wueste-henno-martinHenno Martins „Wenn es Krieg gibt, gehen wir in die Wüste“ ist eine Geschichte, die zu jeder Zeit spielen könnte. Zwei Männer alleine in der Wüste kämpfen um das Überleben, jagen und suchen nach Wasser. Es könnte ein Abenteuerroman sein, wäre da nur nicht das Radio, dass immer wieder Nachrichten auf Englisch und Deutsch bringt, über Hitlers Einmarsch in Paris, über den Russland- und Afrikafeldzug. Es ist keine  Abenteuergeschichte, sondern eine wahre Geschichte von zwei Geologen, die auf dem Gebiet des heutigen Namibia für zweieinhalb Jahre in die Wüste zogen um vor den Wirrungen des zweiten Weltkrieges zu fliehen. Und deswegen ist es ein nachdenkliches Buch geworden, zwei Männer, die in der Wüste sitzen und über die Welt und das Leben diskutieren während um sie herum eben jene Welt brennt.

Das Buch wurde 1956 veröffentlicht, das merkt man. Die Sprache ist oft noch sehr kolonial geprägt, auch wenn die Beiden Hauptpersonen gebildete Menschen sind, denen man anmerkt welchen Respekt sie den afrikanischen Völkern entgegen bringen, so unterscheiden sie doch zwischen zivilisiert und primitiv und benutzen allerhand Vokabular, dass man heute so nicht mehr benutzen würde.

Das Buch lebt von der Wiederholung: immer aufs Neue nach Nahrung und Wasser suchen, Jagen und die Salzvorräte auffrischen. Gelegentlich geschehen auch andere Dinge, aber im Wesentlichen befinden sich die Beiden im Kreislauf der Wüste, die sie nach und nach immer besser verstehen. Das spiegelt sich in den Gesprächen, Streits und philosophischen Überlegungen wieder, die regelmäßig wiedergegeben werden.

Die zwei Flüchtlinge denken sehr wissenschaftlich, und das spannende daran ist es, dass sie es schaffen mit Darwin den Sozialdarwinismus der Nazis zu widerlegen. Survival of the fittest bedeutet eben nicht eine Welt in der die agressivsten, stärksten und autoritärsten Lebewesen überlegen sind, sondern im Gegenteil: Vielfalt ist ein Vorteil und manchmal überleben gerade die Schwachen am besten. Diese sehr schöne Argumentation gegen Eugenik möchte ich hier mal zitieren:

„Zeigten nicht viele Beispiele in der Geschichte des Lebens, daß gerade die Bestangepaßten, die Größten und Zahlreichsten, die Herren ganzer Erdperioden mit monotoner Regelmäßigkeit ausstarben, so daß die Fahne des Lebens wieder von den kleinen, bescheidenen Unscheinbaren vorangetragen werden mußte, bis auch sie wieder in der Falle allzu erfolgreicher Anpassung umkamen?“

-S. 268

Und etwas später dann:

„Macht aber kann nie vielseitig sein, sie beruht immer auf der Auslese weniger Eigenschaften und auf der rücksichtslosen Ausnützung der Schwächeren. In der Geschichte des Lebens sind aber die Schwächen von heute schon tausendfach die Stärke von morgen geworden.
Die Macht von heute hat dagegen immer nur die Ruinen von morgen geliefert. Wer könnte wissen, welche Eigenschaften in tausend Jahren vönnöten sind? Nur die Erhaltung aller Eigenschaften, auch der scheinbaren Schwächen, kann sicher in die unsichere Zukunft führen.
Wie aber kann alle Vielgestaltigkeit, wie können vor allem die zukunftsträchtigen Schächen bewahrt werden? Niemals durch Macht, die immer einseitig wie eine Lawine den Weg in die Tiefe nimmt. Nur eines vermag alles, auch Schwaches zu umfassen und für die Zukunft zu hegen: die Liebe!“

-S. 347

Diese etwas kitschige Schlussfolgerung findet einen evolutionären Nutzen von Nächstenliebe. Das ist erstaunlich, funktioniert in diesem Buch aber wunderbar.